Erstes Abitur 1914

(Unsere Schule 1963/64 S. 5, Stadtarchiv BIielefeld)


Mir wurde geschrieben, ich möchte aus grauer Vorzeit berichten. Fünfzig Jahre bedeutet sicherlich Vorzeit, aber grau war diese Vorzeit der Kaiserin­ Auguste-Viktoria-Schule nicht.

Unsere „Studienanstalt" war modern; sie war großzügig und tolerant in jeder Richtung. Alles Kleinliche wurde abgelehnt. Der Unterricht war aus­gezeichnet - wir folgten ihm mit großem Interesse. Die Hausarbeiten wurden daher in kurzer Zeit erledigt. Bei einer Umfrage vom Provinzial-Schul­kollegium einigten wir uns schnell auf zwei Stunden häuslichen Arbeitens.

In weltanschaulicher Hinsicht herrschte völlige Freiheit. Die Tochter von Carl Severing - einige Jahre jünger als wir - war genauso angesehen wie meine Mitabiturientin Agnes Justus, die nach ihrem Studium in ein Kloster eingetreten ist.

In Latein wurden wir von Herrn Oberlehrer Cardinal geschliffen. Wir hatten pro Woche 6 Stunden Unterricht: am Montag und Donnerstag je 1 Stunde, am Dienstag und Freitag je 2 Stunden; letztere wurden benutzt für schrift­liche Arbeiten. Jede Woche gab es eine Klassenarbeit, meist Deutsch-Latein; seltener Texte, hin und wieder einen Aufsatz. Im Abitur wurden 10 Oden von Horaz auswendig verlangt. Herr Cardinal würzte uns den Unterricht mit dem „Horatius travestitus" von Christian Morgenstern. Während der Arbeiten durften wir fragen; wurde es Herrn Cardinal zuviel, kam die lakonische Antwort: „et heißt und". Er entließ uns 1914 mit den Worten: „Erzählen Sie, daß Sie sogar bis zu Tibull-Catull-Properz vorgestoßen sind, einer Lektüre, die auf Knaben-Gymnasien nicht mehr gebracht wird".

Herr Dr. Mönkemeyer war mehr Dozent als Lehrer. Erst später beim Studium haben wir eingesehen, welch' große Kenntnisse in den Naturwissenschaften er uns vermittelt hat. Der Geschichtsunterricht war sehr modern. Wir hatten in der Prima Bürger­kunde. Wir besuchten die Stadtverordneten-Sitzungen. In der Tagespresse wurde dann das Erscheinen junger Damen auf den Rängen unter Führung eines Herrn gebührend vermerkt. Herr Oberlehrer Dr. Bauer schulte uns auch politisch. Wir bildeten in der Klasse ein Parlament; jeder konnte seine poli­tische Meinung ungefragt äußern.

Den Deutsch-Unterricht erteilte Herr Direktor Dr. Kämmerer selbst. Wir wurden zu einer kurzen, sachlichen, formschönen Ausdrucksweise erzogen. Unter einem meiner Aufsätze stand die Bemerkung „Kaffeeklatsch". Es gab Tränen; aber damit war ich für mein Leben wenigstens von allen schriftlichen blumenreichen Tiraden kuriert.

Von Fräulein Kaysel sagte der Direktor, sie sei seine beste Lehrkraft. Ihre Stunden waren immer interessant. Es war ganz gleichgültig, ob sie den „Hamlet" besprach oder ob sie uns englische Phonetik erklärte. Ich glaube nicht, daß eines ihrer Worte verlorengegangen ist. Von der Erlaubnis, den Unterricht 10 Minuten früher zu verlassen, wurde in ihren Stunden von den Auswärtigen wenig Gebrauch gemacht. Wir kamen lieber bis zu zwei Stunden später zu Hause an.

Unserem Mathematiklehrer, Herrn Professor Bavink, brauche ich mit ärm­lichen Worten kein Denkmal zu setzen. Er steht in Erz gegossen in „seiner" Schule.

Während der wöchentlichen dreimal stattfindenden Turnstunden trugen wir die üblichen weiten Pumphosen. Jeden Morgen nach der großen Pause machte die ganze Schule 10 Minuten Freiübungen. Monatlich gab es einen Wandertag, und im Sommer eine „Turnfahrt". Wir besichtigten allerdings nicht die Tempel von Paestum, wo ich vor einigen Jahren eine Oberprima aus Han­nover traf; wir waren glücklich über eine Weserfahrt. Die Wandervogel­ Bewegung ging an uns vorbei; die uns folgende Klasse war ihr ganz ver­schrieben.

Wir mußten brechen mit der allgemeinen Vorstellung vom deutschen Gretchen. Die Vollakademikerin wurde geschaffen. Wir haben alle ein aka­demisches Staatsexamen abgelegt, außer Martha Uflerbäumer, die bald nach dem Abitur den weltbekannten Chemiker Dr. Normann heiratete. Gleichwohl waren und blieben wir junge Mädchen. Wir trugen keine blauen Strümpfe; im Gegenteil: wir erschienen eines Morgens alle in roten Blusen. Jeder Lehrer lächelte; eine Uniformierung verstieß ja nicht gegen die Schulordnung. Nur das Tragen von bunten Mützen, das eines Tages so sehr begehrt wurde, wurde uns vom ersten Direktor, einem Schulrat, verwehrt. Im Abitur erschienen wir in schwarzen Samtkleidern. Einer der prüfenden Herrn vom Kollegium meinte: „Ach, meine Damen, wenn Sie doch immer so elegant gewesen wären, ich hätte Sie noch einmal so gern unterrichtet".

Wir gehörten zu den ersten Oberprimen einer Studienanstalt realgymnasialer Richtung, die das Abitur ablegte. Wir wurden in allen Fächern auch mündlich geprüft und mußten sämtlich das Examen bestehen, damit die Schule aner­kannt wurde. Das Examen fand statt in den letzten Februartagen des Jahres 1914; die Anerkennung durch Verfügung des Ministers trägt das Datum „28. März". Die Zeugnisse wurden uns später per Post zugeschickt. Eine Ent­lassungsfeier hat leider nicht stattgefunden und ebenso bedauerlich ist es gewesen, daß in den ganzen 50 Jahren nicht ein einziges Mal ein Treffen der „alle Neune" (wir waren 9 Abiturientinnen) verabredet worden ist.

Die Liste der ersten Abiturientinnnen 1914

(Westf. Zeitung 6. April 1914)      Elisabeth Piepenbrock, O I 14

Abitur1914

Anna Jaspers, Agnes Justus, Viktoria Klarhorst, Gertrud Klostermann,
Käthe Klostermann, Ina Kranefuß, Elisabeth Piepenbrock, Dr. Karl Mönkemeyer, Dorothea Schmidt, Martha Uflerbäumer

Viktoria Klarhorst, verheiratete Steinbiß, wurde Ärztin. Dr. Viktoria Steinbiß gehörte zu den 1946 von der britischen Militärregierung ernannten, später von der Bürgerschaft gewählten Ratsmitgliedern und war von 1949–1966 (?) Abgeordnete des Deutschen Bundestages.